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Offener Brief zur „Killerspiele“-Debatte

Sehr geehrter Herr de Maizière,

ich möchte mich kurz bei Ihnen vorstellen: Mein Name ist Dominic Schmidtchen; ich bin 30 Jahre alt, gelernter Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, beruflich als Entwickler bei einer Werbeagentur tätig und seit meiner frühesten Kindheit ein „Gamer“ mit Leib und Seele. Der letzte Teilsatz lässt sicherlich erahnen, worauf sich dieser offene Brief bezieht: Auf die nach 7 Jahren wieder aufflammende Killerspiele„-Debatte, in der Sie diesen sogenannten „Killerspielen“ (ein Begriff, den ich selbst heute nur unter größter Beherrschung nennen kann, ohne einen Würgereiz zu bekommen) eine Teilschuld an dem Amoklauf von München geben. Deswegen möchte ich Ihnen ein bisschen von mir erzählen.

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das viele heute wohl als „schwierig“ oder „sozial instabil“ bezeichnen würden. Meine Familie hat Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er Jahre in eher schlichten Verhältnissen gelebt und hat es nur selten geschafft, über diese Verhältnisse hinaus zu wachsen (so geht es leider auch heute noch vielen Familien). Leider wurde ich als Kind auch schon sehr früh mit Gewalt konfrontiert: Nicht selten kam es zum Streit in der Familie, bei der dann auch mal die Fäuste flogen – und nicht selten haben auch wir Kinder etwas abbekommen. Gerade Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre war es noch üblich, die Kinder mit Zucht und Ordnung zu erziehen: Hat man mal Mist gebaut, gab es neben dem Hausarrest auch gern mal eine Backpfeife oder den Allerwertesten versohlt (etwas, das heute ja gar nicht mehr möglich ist, weil man als Elternteil befürchten muss, das Kind könnte einen wegen versuchter Körperverletzung anzeigen).

Ich war schon immer ein eher introvertierter Mensch, der sehr oft Schwierigkeiten hatte, Anschluss an sein soziales Umfeld zu finden. In der Schule wurde ich oft gehänselt (heute nennt man es „Mobbing“) und war fast immer nur ein Außenseiter mit sehr wenigen Freunden. Durch diesen Umstand verbrachte ich die meiste Zeit zuhause vor meinem Computer – und entsprechend auch mit Computerspielen. Etwa mit 16 Jahren hatte ich Depressionen, weil nichts so funktionierte, wie ich das geplant hatte. Schulisch ging es bei mir irgendwie bergab, obwohl ich immer ein sehr guter Schüler war (insbesondere Fächer wie Deutsch und Englisch waren mein Steckenpferd und ich war fast immer ein 1er-Schüler in diesen Fächern). Auch mein soziales Umfeld war nicht das Beste; ich war zum Teil mit Drogen konfrontiert, kiffte daher gelegentlich, fing mit dem Rauchen an und Alkohol war zu der Zeit ja ohnehin der beste Zeitvertreib am Wochenende. Meine berufliche Zukunft verschwamm vor meinen Augen und ich war längere Zeit ohne Perspektive. Ich hatte in dieser Zeit sogar Selbstmordgedanken – etwas, worüber ich bisher nur mit zwei Personen in meinem ganzen Leben gesprochen hatte und was ich hier zum ersten Mal wirklich offen lege.

Wie bereits erwähnt, bin ich inzwischen 30 Jahre alt und seit frühester Kindheit ein „Gamer“. Damals habe ich noch auf einem Atari 2600 Jump’n’Runs gespielt. Eine Konsole, wie zum Beispiel den Super Nintendo konnten sich meine Eltern nie leisten – daher bin ich immer zu einem Freund gegangen, der auf der anderen Straßenseite wohnte, um mit ihm zusammen „Street Fighter“ zu spielen – das ist ein sogenanntes „Beat’em up„, in dem es darum geht im Straßenkampf seinen Gegner zu besiegen. Später, als ich meinen ersten PC bekam (das muss so etwa mit 12-13 Jahren gewesen sein und meine Eltern hatten für mich wirklich darauf hingespart), war mein erstes Spiel – damals noch auf 3 Disketten – ein Helikopterspiel, in dem ich als Pilot feindliche Panzer, Fahrzeuge, Gebäude und auch Soldaten abschießen musste.

Diesen Spielen folgten noch unzählige weitere Spiele, darunter auch Ihre sogenannten „Killerspiele“ wie zum Beispiel „Counter-Strike„, das – laut BILD – ja angeblich „nahezu jedem Amokläufer genutzt“ haben soll. Was auch immer der entsprechende Redakteur mit „genutzt“ meinen mag. Ja, in gewisser Weise hat es mir genutzt – es hat mir dahingehend genutzt, neue Leute kennen zu lernen, meine Hand-Augen-Koordination zu verbessern, meine Reaktionszeiten so weit wie möglich zu optimieren und eine Situation vernünftig zu analysieren und auf dieser Basis mein Vorgehen zu planen. Hat es mir dabei geholfen, besser mit Schusswaffen umzugehen? Nein, ich glaube nicht. Tatsächlich hatte ich in meinem ganzen Leben nur eine einzige Handfeuerwaffe in der Hand – und dabei handelte es sich um eine Requisite von „Alarm für Cobra 11„. Ob ich mit einer echten Schusswaffe umgehen könnte? Mit etwas Übung sicherlich. Aber ich habe überhaupt kein Interesse daran, mit Schusswaffen umgehen zu können. Und selbst wenn, bräuchte ich dafür ganz sicher kein Computerspiel.

Counter-Strike„, Herr Bundesminister, habe ich von 2004 bis etwa 2007 professionell im sogenannten „e-Sports“ gespielt. Da ging es um den Wettbewerb, um Teamplay und um taktisches Vorgehen – und nicht darum, auf möglichst brutale Weise jemanden kaltblütig zu ermorden. Durch dieses Spiel habe ich neue Leute kennen gelernt, mit denen ich in meiner Freizeit gespielt und später auch ein gemeinsames Projekt auf die Beine gestellt habe. Durch dieses Spiel, die neu gewonnenen Freunde und das Projekt konnte ich meine Depressionen bekämpfen und mich auf meine Zukunft konzentrieren, statt ewig in der Vergangenheit festzustecken.

Ich habe auch Spiele wie „Unreal Tournament„, „Quake„, „Battlefield„, „Call of Duty“ und viele weitere Ego-Shooter gespielt. Und ja, viele dieser „Killerspiele“ habe ich bereits gespielt, als ich noch minderjährig war. Einige von diesen Spielen durften in Deutschland nicht einmal verkauft werden, weil sie keine Jugendfreigabe erhielten – glücklicherweise kann man solche Spiele aber ganz legal im Internet erwerben oder – wenn man es gern deutsch synchronisiert mag – bei unseren österreichischen Nachbarn kaufen, bei denen es keine derartig drastischen Verbote gibt. Ein Verbot oder eine striktere Regelung hierzulande würde nichts bewirken – wenn ein Gamer ein Spiel haben will, dann beschafft er es sich – auf legalem oder illegalem Weg.

Sieht man sich also nun meinen Background an – mit den sozialen Problemen, die ich in der Vergangenheit hatte – und den Computerspielen, die ich gern spielte und auch heute noch spiele, kann man doch eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Ich bin ein potenzieller Amokläufer und eine Gefahr für die Gesellschaft. Ist diese Schlussfolgerung korrekt, Herr Bundesminister? Ich nehme Ihnen die Antwort vorweg: Nein, ist sie nicht!

Ich hatte eine (aus meiner Perspektive) eher bescheidene Kindheit, geprägt von handfesten Streitereien der Eltern, sozialer Ausgrenzung durch andere Kinder, schulischer Leistungsabnahme, beruflicher Perspektivlosigkeit und anschließender Depressionen; und ich habe eine Vorliebe für „gewaltverherrlichende“ Computerspiele. Trotzdem hatte ich – und habe ich – zu keiner Zeit jemals wirklich das Bedürfnis oder die Notwendigkeit verspürt, einem anderen Menschen körperliche Gewalt anzutun oder ihn gar zu töten. Weder gezielt, noch wahllos…

Sicherlich kann (und will) ich nicht behaupten, ein völlig normaler Mensch zu sein. Ich bin eben ich – ein Individuum mit eigenen Vorlieben, einem ganz eigenen „Tick“ und einer manchmal unausstehlichen Attitüde (ich sage gern meine Meinung, ob sie jemand hören will oder nicht – und auch dann, wenn ich jemandem damit gehörig auf die Füße trete). Ich bin ein Fan von Computerspielen, bewundere Menschen, die das sogenannte „Cosplay“ betreiben (ein Trend, bei dem sich junge wie alte Leute verkleiden, um beispielsweise wie eine bestimmte Mangafigur oder eben auch wie eine Figur aus einem Computerspiel auszusehen), liebe Comics und Zeichentrickfilme aus den 80ern und frühen 90ern, sehe mir gern Science-Fiction- und Horrorfilme an – ich bin kurzum das, was man gemeinhin als „Nerd“ bezeichnet.

Ich bin so, weil mich meine Vergangenheit so geprägt hat. Aber ich bin auch so, weil ich trotz dem ganzen Mist, den ich in der Vergangenheit erlebt habe, Menschen kennen gelernt habe, die mich so akzeptieren wie ich bin. Die zu mir stehen und mir in schwierigen Zeiten den Rücken stärken. Ich habe meine Vergangenheit überstanden und bewältigt, weil ich Hilfe von anderen bekam, die den Weg (oder zumindest einen Teil des Weges) mit mir zusammen gegangen sind. Diese Hilfe hatte der Täter von München offensichtlich nicht.

Was in München geschah, ist schrecklich und unentschuldbar. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer und den Verletzten. Aber auch der Familie von Ali David S., die nun mit den Folgen seiner Taten leben muss. Und zurecht wird gefragt, warum es zu dieser Tat kam. Zurecht wird gefragt, was den Täter dazu bewogen hat, sich illegal eine Waffe samt Munition zu beschaffen und gezielt junge Menschen in München zu erschießen.

Ich hätte da aber noch weitere Fragen, Herr Bundesminister. Warum litt Ali unter Angststörungen und Depressionen? Er war angeblich in Behandlung, warum hat das nichts gebracht? Warum konnte ihm keiner helfen? Wie könnten schärfere Waffengesetze verhindern, dass sich jemand im Darknet oder auf der Straße eine Waffe samt Munition beschafft? Es gibt ja angeblich zahlreiche wissenschaftlich fundierte Studien, die belegen, dass gewaltverherrlichende Computerspiele zu Taten wie diesen beitragen würden. Warum kenne ich keine dieser Studien? Warum werden nie explizit welche benannt? Warum sagen sogenannte“ Experten„, diese „Killerspiele“ trügen eine entsprechende Teilschuld, während echte Wissenschafter betonen, dass es keinen Zusammenhang gäbe oder dieser zumindest noch nicht gefunden werden konnte?

Ich muss hier natürlich auch die Gamer selbst ein bisschen rügen – zu oft sehe ich recht einseitige Kommentare ohne gehaltvolle Argumentation, warum denn die Behauptung schlichtweg Unsinn sei. Viele Gamer geben verbale Attacken von sich, werden unsachlich und teilweise beleidigend. Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwer, eine sachliche Diskussion zu diesem Thema zu führen. Ich verstehe in gewissem Maße auch, warum Sie, Herr de Maizière, und viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen einen Zusammenhang zwischen Taten wie dem Amoklauf in München und Computerspielen, in denen Gewaltszenen dargestellt wird, sehen wollen. Ich denke, das größte Problem ist, dass Sie lediglich die Gewalt in den Spielen sehen, nicht aber die dahinter befindliche Story.

Lassen Sie mich ein kurzes Beispiel anführen: Am 10. November 2009 erschien ein Ego-Shooter namens „Call of Duty: Modern Warfare 2„. Vielleicht kommt Ihnen dieser Name ein bisschen bekannt vor, sorgte er im Vorfeld doch für explosiven Diskussionsstoff. Denn in diesem Spiel kam eine Mission vor, in der der Spieler als Terrorist an einem fiktiven Flughafen unbewaffnete Zivilisten töten konnte. Für Außenstehende mag das jetzt sehr surreal und verstörend klingen – und ich will nicht abstreiten, dass es auch verstörend ist. Der Spieler übernimmt hierbei die Rolle eines der Angreifer – namentlich „Alexei Borodin„. Was Sie als Außenstehender nun nicht wissen können: Das Alter Ego „Alexei Borodin“ heißt eigentlich „Joseph Allen„, ist Mitglied der Task Force 141 des US-Militärs und wurde für eine CIA-Operation ausgewählt, eine Gruppe von Terroristen zu infiltrieren. Dabei wird der Agent gezwungen, auf unbewaffnete Zivilisten zu feuern – würde er das nicht tun, würde er seine Tarnung auffliegen lassen und selbst zum Opfer werden. Ironischerweise ist der Agent am Ende der Mission genau das – ein Opfer, da er vom Anführer der Terroristen erschossen wird. Das klingt nicht nach willkürlicher Gewalt, sondern eher nach einem Drehbuch für einen (zugegebenermaßen recht blutigen) Actionfilm á la Hollywood – eben einem solchen Actionfilm, wie wir ihn von Hollywood jedes Jahr in mehrfacher Ausführung bekommen.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit diesem kurzen Beispiel zeigen, dass es in solchen Spielen nicht um die Gewalt geht, sondern um die Geschichte, die der Entwickler damit versucht zu erzählen. Und in diesem Zusammenhang ist Gewalt ein Stilmittel – genau so wie in Filmen, in denen es bisweilen ja auch weitestgehend akzeptiert ist. Mir ist durchaus bewusst, dass in diesem Fall das Argument angeführt werden kann, dass das Geschehen in Filmen nicht durch den Zuschauer beeinflusst werden kann – anders als in Computerspielen. Hiergegen halte ich aber das Argument, dass das Geschehen auch in einem Computerspiel nicht völlig und vollständig vom Spieler beeinflussbar ist – eigentlich überhaupt nicht beeinflussbar, weil die Geschichte auch in Spielen einem Drehbuch folgt. Der Entwickler hat aber, anders als der Regisseur, die Möglichkeit, dem Spieler eine begrenzte Anzahl an Entscheidungsmöglichkeiten an die Hand zu geben und damit verschiedene Abhandlungen der Story zu erzählen. Sie müssen verstehen, dass Gamer wie ich nicht nachvollziehen können, wie ein Actionfilm, in dem unzensiert Blut und Gewalt dargestellt wird, offiziell als Kunst betrachtet und akzeptiert werden kann, während Computerspiele mit eben den gleichen Stilmitteln, als Gegenstand für ein Verbot zur Debatte stehen und Ursache für Amokläufe sein sollen. Spiele dieser Art (und im Generellen alle Computerspiele) werden vor dem Verkauf in Deutschland durch die USK geprüft und entsprechend eingestuft. Diese Einstufung ist in den allermeisten Fällen korrekt und Computerspiele, die der USK nach zuviel Gewalt beinhalten, erhalten überhaupt keine Freigabe für den deutschen Markt. Wir haben mitunter die schärfste Kontrolle in diesem Bereich – allerdings bringt die Einstufung nicht viel, wenn Eltern ihre minderjährigen Kinder Computerspiele spielen lassen, die eine Freigabe ab 18 Jahren haben. Es mangelt hier insbesondere an der Kompetenz der Eltern. Oder – was ich um einiges erschreckender finde – an Interesse, was ihr Kind da eigentlich so treibt. Hier sollte angesetzt werden, statt über ein Verbot nachzudenken. Denn wir wissen doch alle aus unserer eigenen Kindheit: Was verboten ist, reizt umso mehr. Und wie ich weiter oben bereits erwähnte, weiß ein Gamer, wie und woher er ein verbotenes Spiel beziehen kann.

Wenn wir schon von Gewalt in Medien sprechen, dann sollten wir doch auch die Berichterstattung in den Nachrichten nicht außen vor lassen – auch wenn es sich dabei um Informationsgut für die Allgemeinheit handelt. Hier habe ich mir in den letzten Tagen schon oft die Frage gestellt, ob es wirklich notwendig ist, stunden- oder gar tagelang über Gewalttaten wie den Amoklauf zu berichten – in der Presse möglichst detailliert und mit möglichst vielen (teilweise unzensierten) Bildern die blutige Tat zu beschreiben. Ist es wirklich notwendig (und für die Informierung der Allgemeinheit) erforderlich, so detailliert darüber zu berichten? Oder auch über die Terrorattacken in den vergangenen Monaten – jemand hatte mal folgende Frage gestellt: „Warum wird so sensationsgierig darüber berichtet und Angst und Schrecken verbreitet – eine Panik ausgelöst und den Terroristen somit Aufmerksamkeit geschenkt, statt einfach kurz und knapp darüber zu berichten und sich dann wieder anderen Dingen zu widmen? Denn ist es nicht genau diese Aufmerksamkeit, die Terroristen wollen?“.

Generell sehe ich in den letzten Jahren eine regelrechte Verrohung der Berichterstattung. Es geht schon lange nicht mehr darum die Allgemeinheit zu informieren. Es geht nur noch um Sensation, um Einschaltquoten und verkaufte Auflagen – es geht nur noch darum, wer die exklusivsten Details, die dreckigsten Geheimnisse und die persönlichsten Dinge enthüllt. Sensationsjournalismus ist das – und das, Herr Bundesminister, sollte verboten werden! Ja, mir ist bekannt, dass es den Deutschen Presserat gibt. Mir ist auch bekannt, dass dieser Presserat über die Einhaltung des Pressekodex wacht und die Medien rügt, sollten sie dagegen verstoßen. Aber seien wir mal ehrlich: Diese Rügen bringen überhaupt nichts. Wie oft wurde die BILD schon gerügt? Ich sage Ihnen, sie wurde oft gerügt – die BILD ist die am häufigsten gerügte Zeitung Deutschlands – doch das hält sie nicht davon ab, weiterhin unverpixelte Bilder von Tätern und Opfern zu drucken, minutiös über brutale Verbrechen zu berichten, Stimmung gegen Ausländer und Flüchtlinge, Hartz 4-Empfänger und andere Randgruppen zu machen, um die inzwischen ekelerregende Sensationsgier ihrer Leser zu befriedigen.

Zurück zur Frage, was den Täter zu seiner Tat bewogen hat. „Killerspiele„? Herr de Maizière, sehen Sie sich bitte um. Sehen Sie sich unsere Gesellschaft an – in der das „ich“ wichtiger geworden ist als das „wir„. In der die Menschen im Schritttempo an einer Unfallstelle vorbei fahren und fotografieren, was das Zeug hält und damit kilometerlange Staus verursachen, die den Rettungskräften die Arbeit erschweren. In der Gaffer den Einsatz von Rettungskräften behindern und damit das Leben eines kleinen Mädchens gefährden. In der die Medien detailliert über Gräueltaten berichten, um die Sensationslust ihrer Zuschauer/Leser zu befriedigen und die Einschaltquoten/Auflagezahlen zu erhöhen. In der Menschen aufgrund ihrer Herkunft und/oder ihres Glaubens stigmatisiert und unter Generalverdacht gestellt werden. In der selbst demokratische Politiker (!) gegen Ausländer hetzen und bei Verstößen gegen die Menschlichkeit mit zweierlei Maß messen (Stichwort „Erdoğan“). In der es Menschen gibt, die ganz bewusst den Tot von Asylbewerbern in Kauf nehmen, wenn sie Asylheime anzünden. Eine Gesellschaft, in der am helllichten Tag auf offener Straße Überfälle auf Menschen begangen werden, während andere einfach dabei zusehen. In der Zivilcourage nicht selten mit dem Leben bezahlt werden muss. In der sich Nachbarn jahrelang gegenseitig bekriegen, nur weil der verdammte Ast vom verdammten Nachbarbaum über den verdammten Zaun ragt… Herr Bundesminister, eine Gesellschaft, in der Menschen mit ihren Problemen allein gelassen werden – nicht nur, weil sie nicht darüber reden, sondern weil man sich nicht die Zeit nimmt, ihnen zu helfen.

Ich habe jetzt sehr viel geschrieben und bin dabei auch in Themen abgerutscht, die eigentlich nichts mit der Debatte zu tun haben – und eigentlich bin ich ein Mensch, der diese Dinge nüchtern betrachtet und daher eher anteilnahmslos erscheint. Aber zum ersten Mal habe ich Tränen in den Augen – nicht wegen der Debatte an sich. Sondern weil mir zum ersten Mal ganz bewusst wird, wie unsere Welt – unsere Gesellschaft – auf einen Abgrund zurast, während wir uns gegenseitig beschuldigen. Während wir uns gegenseitig umbringen – wir einen Sündenbock für unsere Probleme suchen, uns gegenseitig nieder machen und einfach nicht verstehen können (oder wollen), was das Problem ist und wie es sich lösen lässt.

Es stimmt mich einfach traurig zu sehen, wie wir uns gegenseitig zerfleischen. Seien es Rassenkonflikte wie in den USA, Ausländerfeindlichkeit wie hier in Deutschland, Extremismus wie in der Türkei oder diese sinnlosen Terroranschläge unter dem Deckmantel einer Religion. Es stimmt mich traurig zu sehen, wie Gamer wie ich stigmatisiert werden, weil ein Amokläufer zufällig „Counter-Strike“ gespielt hat. Wie Asylbewerber stigmatisiert werden, weil ein einzelner Asylbewerber möglicherweise im Namen einer Terror-Organisation wie dem IS gehandelt hat. Wie Muslime stigmatisiert werden, weil einige fehlgeleitete Gläubige einen – in ihren Augen – heiligen Krieg gegen die westliche Zivilisation führen.

Es stimmt mich traurig, dass wir uns alle nicht mehr als das sehen, was wir sind: als Menschen. Ungeachtet der Hautfarbe, Religion, Herkunft, Vorlieben oder anderer Dinge, die uns lediglich zu Individuen machen.

Herr Bundesminister, ich bitte Sie um eine sachliche Diskussion über dieses Thema, ohne zu stigmatisieren oder sich ein vorschnelles Urteil zu bilden. Ich kann nicht verhindern, dass Computerspiele erneut zum Gesprächsthema werden – genau so wenig kann ich verhindern, dass es einige Gamer geben wird, die erneut einen „Flame War“ gegen die Politik starten werden, weil sie ihre Computerspiele in Gefahr sehen. Aber ich kann an Ihre Vernunft appellieren und Sie darum bitten sich alle Seiten anzuhören – auch die der Gamer. Wir können Ihnen aus erster Hand von unseren Erfahrungen berichten. Und wir Gamer sind ebenso daran interessiert die Ursache für Gewalttaten wie den Münchner Amoklauf zu finden und dagegen anzugehen, um sie in Zukunft zu verhindern. Wir können Ihnen aber auch garantieren, dass Computerspiele nicht die Ursache für solche Taten sind. Bei all den Dingen, die in der Welt und in unserer Gesellschaft schief laufen, dürften Computerspiele derzeit unser kleinstes Problem sein…

Hochachtungsvoll,

Dominic Schmidtchen
Gamer. Und Mensch

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