Intoleranz in einer „toleranten“ Zivilisation

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich vorher einfach keinen Blick dafür hatte, oder ob dieses Phänomen gerade stark im Kommen ist. Bereits am vergangenen Wochenende explodierte mir der Hut, als ich eine Kolumne einer gewissen Frau Burmester auf Spiegel.de gelesen hatte. Unter dem Titel „Leute, Ihr habt doch einen Stich“ schreibt Silke „Die Kriegsreporterin“ Burmester über die Kultur der Tätowierten und bezeichnet die Körperkunst als „Tapetenmode“. Dabei zieht sie ungeniert über tätowierte Menschen her und findet, dass „ein kleines Bildchen auf dem Arm ja ziemlich lächerlich“ sei.

Aber ich denke, der Hut explodierte mir weniger wegen der Kolumne einer Frau, der schlichtweg der Einblick in diese Subkultur sowie das Verständnis dafür fehlt, als viel mehr der Kommentare wegen. Die Kommentatoren bezeichnen Tätowierte im Schutze der Anonymität als „Unterschicht“, sprechen ihnen „fehlendes Selbstwertgefühl“ zu und glauben, dass „Tattoos von Dummheit“ zeugen. Weitere Kommentare will ich aufgrund ihrer Pietätlosigkeit nicht nennen

Natürlich ist das Tätowieren längst zur Mode geworden und natürlich laufen leider auch viele Menschen herum, die sich über das Motiv kaum bis gar keine Gedanken gemacht haben – hauptsache tätowiert sein. Aber der Großteil der tätowierten Menschen hat oftmals Jahre über ein geeignetes Motiv nachgedacht – bei mir sind es derzeit 9 Jahre (und ich bin nach wie vor noch nicht tätowiert). Und solche Menschen lassen sich die „Bilder für die Ewigkeit“ auch nicht von irgendeinem Heinz stechen, sondern suchen professionelle Tattoo-Künstler auf (was sie sich dann auch gern etwas kosten lassen).

Auch gehören tätowierte Menschen alles andere als zu einer Unterschicht. Ich kenne viele Personen mit (teilweise auch permanent sichtbaren – sprich am Hals und/oder den Händen – Tattoos), die weder arbeitslos sind, noch irgendeinem 400-Euro-Job nachgehen. Es sind häufig Menschen, die in einer erfolgreichen Firma Karriere machen oder als Arzt den Respekt ihrer Patienten genießen. Architekten, Anwälte, Ärzte, Polizisten, Business-People – in nahezu jedem Beruf gibt es tätowierte und auch gepiercte Menschen.

Man muss Tattoos nicht mögen – das ist eine Frage des Geschmacks, über den sich bekanntlich nicht streiten lässt. Aber man möchte doch bitte tätowierte Menschen tolerieren, ohne ihnen direkt geistige Beschränktheit zu attestieren (ich frage mich ohnehin, ob solche Leute Psychiater sind, dass sie sich so eine Bemerkung überhaupt erlauben dürfen). Der Artikel von Frau Burmester hat eine Diskussion los getreten, die in Sachen Geschmacklosigkeit und absoluter Intoleranz keine Grenzen kennt.

Und heute geht es weiter. BILD.de fragt, ob deutsche Nationalspieler – egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund – dazu gezwungen werden sollten, die deutsche Nationalhymne zu singen. Und wie man es kaum anders erwarten könnte, stimmten 79% der BILD-Leser für eine Singpflicht. Meine Vermutung: ca. 17% der Leser haben sich den Artikel wahrscheinlich gar nicht durchgelesen, etwa 53% sind sich der Tragweite einer solchen Pflicht überhaupt nicht bewusst und die restlichen 9% sind einfach nur typische Ja-Sager, die alles und jedem zustimmen, das von BILD angesprochen wird oder mit BILD zu tun hat.

Noch nie in meinem Leben ist mir die Intoleranz von Menschen so sehr aufgefallen wie am vergangenen Wochenende. Und noch nie hat sie mich so sehr angekotzt wie aktuell. Und dann sprechen genau diese Leute davon, wie weltoffen und tolerant sie doch wären. Mir ist bewusst, dass es immer irgendwelche Menschen geben wird, die intolerant sind – doch es erschreckt mich zunehmend, dass der Prozentsatz dieser vermuteten Minderheit jenseits der 50%-Marke liegt.

Ich schäme mich langsam in solch einer Zivilisation zu leben…

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